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Schweizer Handel erfindet sich neu: 1 Mrd. Kunden vor der Haust├╝r

18.04.2016 09:26:12

Umgang mit Kundendaten: So diskret wie im Darknet

Neue Märkte mit bis zu 1 Mrd. KonsumentInnen, der Wegfall des Grosshandels, die weitere Explosion des Online-Handels und schliesslich die immer besseren 3D-Drucker, die den Handel mit vielen Produkten überflüssig machen werden – dies waren Themen am World Café von Handel Schweiz. Datensicherheitsexperte Marc Ruef geht davon aus, dass sich der gläserne Kunde nicht verhindern lässt – Fairness ist jedoch gefragt. Aus dem Darknet könne der Handel lernen, wie sich ein Höchstmass an Diskretion im Umgang mit Kundendaten erreichen lässt.

Am 14. April 2016 skizzierten am World Café von Handel Schweiz Top-Experten die Zukunft der Digitalisierung im Handel. Patrick Kessler, Präsident des Schweizerischen Versandhandels, forderte, dass der Schweizer Handel sich auch auf Märkte mit 100 Mio. oder 1 Mrd. Menschen einlassen sollte. Diese Märkte sind heute online bereits vorhanden, werden jedoch nur von wenigen Schweizer Marken wie Nespresso oder Freitag direkt bespielt. Kessler rechnet innerhalb der nächsten zehn Jahre mit einer weiteren Explosion des Online-Handels und einer stärkeren Integration von online und offline. Er geht davon aus, dass 2025 die Ware vermehrt von der Herstellung direkt zum Konsumenten geht. Gemäss Patrick Kessler liegen die Chancen für die Schweiz im weltweiten Online-Handel mit Produkten, für die die Schweizer Anbieter auch die Patente und Technologie besitzen. Abgesehen von einem Trend zum weltweiten Einheitspreis erwartet Kessler weitere Herausforderungen für den Handel: «Der 3D-Druck macht den Handel mit manchen Produkten überflüssig oder definiert ihn ganz neu.»


Fotos unter flickr

Tausende Produkte kommen pro Tag über die Grenze
Welche logistischen Herausforderungen der grenzüberschreitende globale Handel mit sich bringt, machte Roland Schumacher von SISA deutlich. Über die Server der Firma wickeln führende Marktplayer ihre Zollformalitäten ab. Roland Schumacher ist CEO des Unternehmens. Er erläuterte, dass in Zeiten des Terrorismus und der gefälschten Produkte auch für den grenzüberschreitenden Warenverkehr strengere Sicherheitsbestimmungen gelten. Diese bei immer grösserem Tempo und Warenaufkommen zu prüfen und zu gewährleisten, ist eine der Aufgaben des Schweizer Zolls. Zolltechnisch wird heute bereits alles elektronisch erfasst und abgewickelt; das ist eine grosse Herausforderung an die Digitalisierung in den Handelsunternehmen – vor allem in Anbetracht der bearbeiteten Mengen. So lösen grössere Player im Markt an Spitzentagen jeweils 8'000 bis 10'000 Zollanmeldungen aus. Für die Zukunft des Schweizer Handels sehen Schumacher wie Patrick Kessler das Risiko im begrenzten Vorstellungsvermögen mancher Händler. Neue Anbieter wie Uber, Amazon oder Tesla gehen bekanntlich das Thema ganz unbefangen an und kommen so zu überraschenden Lösungen – wie die kürzliche Lancierung des 35’000-Doller-Tesla sehr gut zeige; innerhalb von 10 Tagen haben 300'000 Personen das erst Ende 2017 erhältliche Fahrzeug vorbestellt und 1'000 Dollar angezahlt. Somit erhielt Tesla für das noch nicht verfügbare Fahrzeug sofort USD 300 Mio. und wahrscheinlich Darlehen für die noch zu erwartenden USD 78 Mrd.

Der Handel als Datensammler
Grosse Warenmengen bedeuten auch zahlreiche Kundendaten. In den Händen des Handels liegt deshalb eine hohe Verantwortung. Sicherheit ist ein zentrales Thema. Marc Ruef gilt als einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren im Bereich der Informationssicherheit. Seit 1997 wurden über 830 Beiträge von ihm publiziert, davon ebenfalls in Spanisch, Russisch und Japanisch. Sein letztes Buch beschäftigt sich mit der systematischen Durchführung von Sicherheitsüberprüfungen. Er meinte am World Café von Handel Schweiz: «Das Thema Informationssicherheit, und mit ihm auch die Computerkriminalität, hat sich in den letzten 15 Jahren professionalisiert. Damit ging eine Verkommerzialisierung einher, die gerade bezüglich Cybercrime noch immer befremdlich wirkt. Die Anzahl der Systeme, Daten und Nutzer ist explodiert. Die Probleme, die vor zehn Jahren nur einige wenige Technikenthusiasten interessiert haben, betreffen plötzlich Millionen Benutzer weltweit. Diese Veränderung in der Bedrohungslage führt dazu, dass wir die Geschwindigkeit der involvierten Themen als sehr hoch wahrnehmen. Mancherorts wird eine Überforderung spürbar. Dies kann fälschlicherweise zu Resignation führen. Stattdessen liegt es an Behörden, Firmen und jedem einzelnen, sich den reellen Gefahren zu stellen und mit diesen umzugehen. Das Anbieten von Dienstleistungen und der Umgang mit Daten führt stets eine ethische, juristische und technische Verpflichtung mit sich. Diese herunterzuspielen und zu ignorieren ist pure Augenwischerei. Ohne Online-Handel müssten wir gar nicht über Sicherheit diskutieren. Aber mittlerweile ist ein Online-Handel ohne Sicherheit auch nicht mehr denkbar. Der fehlerhafte Umgang mit Risiken hat schon ganze Unternehmen in den Ruin getrieben.»
 
Lehrplatz Darknet
Ruef zeigte auf, was der Schweizer Handel aus dem Darknet – dem Handel mit illegalen Produkten wie z.B. Drogen oder Waffen – lernen könne: «Das Darknet erfordert ein Höchstmass an Diskretion und Zuverlässigkeit. Dies sind auch die Eigenschaften, die eine erfolgreiche Handelsplattform oder einen beliebten Händler ausmachen. Sobald die Nutzer an der Plattform oder den Händlern zweifeln, brechen deren Erträge weg. Qualität ist ein Merkmal, das man auf allen Ebenen anstreben und leben sollte. Dazu gehören neben dem gehandelten Produkt auch der Umgang mit den Kunden und ihren Daten – egal ob nun im Darknet oder dem öffentlichen Internet.» Ruef geht davon aus, dass sich der gläserne Mensch auf längere Sicht nicht verhindern lässt. Generell sei Datensparsamkeit anzustreben – wem gebe ich was wieso preis. Wichtig sei, dass diese Entwicklung möglichst fair für alle Beteiligten geschehe.

Lieferung zum Kofferraum
In den drei Diskussionsrunden mit wechselnden TeilnehmerInnen fanden die HandelsunternehmerInnen und KonsumentInnen, dass die unerlaubte Herausgabe der Kundendaten an Dritte nicht zu tolerieren sei. Doch der mündige Konsument müsse sich auch selber schützen, indem er zum Beispiel nicht – wie so oft – das einfachste Passwort verwende. Die Zukunft des Schweizer Handels wurde in mehr Service und neuen Nischen gesehen. Der Wegfall des Zwischenhandels sei keine Utopie. Allerdings mache der Grosshandel gerade für kleinere regionale Produzenten immer noch Sinn. Der Wegfall des stationären Handels, also des Ladenlokals, wurde als nicht wahrscheinlich betrachtet. Grosse Chancen lägen in der Logistik. So werden mancherorts bereits Waren direkt zum Kofferraum eines Autos oder das Abendessen samt Zutaten und Rezept nach Hause geliefert. In diesen Bereichen bestehe noch sehr viel Potenzial. Möglicherweise brauche es aber noch mehr Leidensdruck, um die Innovationskraft mancher Händler weiter zu stimulieren. 

Kaspar Engeli, Direktor von Handel Schweiz, freute sich über die offenen und kreativen Diskussionen: «Die Digitalisierung bedeutet für die Handelsunternehmen als erstes riesige Investitionen in IT und Software. Multichanneling ist ein Stichwort. Es reicht heute nicht mehr, für beispielsweise Beschaffung und Distribution von Waren nur ein Standbein zu haben. Man hat den stationären Handel – den klassischen Handel am Verkaufspunkt – und auch immer mehr das Internet. Für die Zukunft muss der Handel ganz neue Partnerschaften bilden. So bekommt zum Beispiel die Logistik eine neue Bedeutung – Stichwort 3D-Drucker. Diese werden jetzt mit ganz neuen Chancen und Möglichkeiten rasant auf den Markt kommen. Da kann man träumen, aber vor allem muss man sich damit beschäftigen und das rechtzeitig umsetzen, damit man die Nase zuvorderst hat.»

Kontakt
Kaspar Engeli, Direktor, Tel. 061 228 90 33
Andreas Steffes, Sekretär, Tel. 061 228 90 32  
 

Der Handel ist mit 680'000 Mitarbeitenden der wichtigste private Arbeitgeber der Schweiz. Handel Schweiz ist der Dachverband des Handels, dem 33 Branchenverbände mit insgesamt 3’700 Unternehmen angehören. Handel Schweiz vertritt eine liberale Politik und setzt sich für eine starke Schweiz ein. Die KV-Branche Handel bildet 1‘400 Lehrlinge aus und ist damit eine der grössten und beliebtesten Ausbildungsbranchen. 

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