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Jedem zweiten Handelsunternehmen fehlt digitales Know-how

20.09.2016 15:02:09

Handel Schweiz warnt: 250'000 Arbeitsplätze bedroht 

Gemäss einer aktuellen Studie von Handel Schweiz treiben 91% der Handelsunternehmen Kundenbindung digital voran. Doch fast ebenso viele haben Schwierigkeiten bei der Umsetzung ihrer digitalen Projekte. Es fehlen vor allem technische Voraussetzungen, Wissen und Fachkräfte. Jede zweite Firma sieht digitale Plattformen wie Amazon als Bedrohung; nur jede fünfte nutzt sie für den eigenen Vertrieb. Dass es bei der digitalen Evolution des Handels neben dem Know-how auf die richtige Dosis und gutes Timing in der Umsetzung ankommt, zeigen die völlig unterschiedlich agierenden Handelsunternehmen Volg, Brütsch/Rüegger und Kenny’s.

Der Schweizer Handel ist bekanntlich unter Druck: Der starke Franken, der Online-Handel und der Einkaufstourismus haben zu Einbussen von über CHF 20 Mrd. geführt und viele Händler in arge Bedrängnis gebracht. Der Konkurrenzkampf ist hart und wird täglich geführt: Internationale Anbieter und digitale Marktplätze dringen in die bestehenden Geschäftsfelder ein. Marktführer wie Amazon oder Zalando wurden von IT-Spezialisten und nicht von Händlern erfunden. Diese Entwicklung kann für den Handel eine Inspirationsquelle sein. Innovative Geschäftsmodelle wären eine grosse Chance im Handel, um Verluste wett zu machen und neuen Boden zu gewinnen. Doch schafft der Schweizer Handel – angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen – den Paradigmenwechsel in das digitale Zeitalter? Heute veröffentlichte Handel Schweiz die Ergebnisse einer Studie zur digitalen Transformation des Schweizer Handels: 3'700 Firmen wurden befragt.
 
Aufwendige interne Abstimmungen
Das Thema Digitalisierung ist im Handel ohne Zweifel sehr präsent. 96% der befragten Unternehmen sind überzeugt, dass die Digitalisierung das Handelsgeschäft verändert. 91% treiben gerade ein Projekt der digitalen Kundenbindung voran, um zum Beispiel auf Social Media oder in Online-Communities präsent zu sein; umgesetzt haben dies jedoch bisher nur 59%. Überhaupt liegt noch der Knackpunkt in der Umsetzung der Digitalisierung. Neun von zehn Firmen haben damit Schwierigkeiten. Vier von fünf beklagen fehlende Ressourcen, um mit der Digitalisierung Schritt zu halten. In drei von fünf Unternehmen sind es die technischen Voraussetzungen, in jedem zweiten die Fachkräfte und das Wissen über die Möglichkeiten der Digitalisierung. Mit aufwendigen internen Abstimmungen kämpft rund jedes zweite Unternehmen. Fast ebenso viele sehen sich von branchenfremden Geschäftsmodellen oder von digitalen Plattformen wie Galaxus bedroht. Digitale Plattformen haben die Nase vorn bei den Themen Pricing (75%), Zugang zu den Kunden (50%), beim Sortiment (39%) und in der Logistik (30%). Trotzdem nutzt nur eines von fünf Handelsunternehmen solche Plattformen als Chance für den eigenen Vertrieb. Seit Jahren sammelt der Handel Kundendaten, doch nur jedes fünfte Unternehmen nutzt die entsprechenden Technologien zur Auswertung. 70% der befragten Firmen nutzen keine digitalen Services wie QR-Code oder digitale Coupons.
 
Kaspar Engeli, Direktor von Handel Schweiz, erklärte am Mediengespräch: «Neun von zehn Unternehmen haben Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Digitalisierung. Falls sich das Tempo der digitalen Evolution nicht beschleunigt, sind aktuell bis zu 250'000 Arbeitsplätze im Schweizer Handel bedroht. Dabei ist das Wissen über die Möglichkeiten der Digitalisierung ebenso zentral wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschäftsmodell und dem Mehrwert für Kunden.» Doch es gibt keine pauschalen Rezepte. Jede Firma ist für sich gefordert, neue Lösungen umzusetzen. «Wichtig ist der Blick nach vorn. Zum Beispiel: Wie kann ich mit meinem Angebot den mobilen Kunden via Smartphone erreichen, der heute auf 19 Uhr im Park Langusten oder um Mitternacht zum Bahnhof neue Pantoffel geliefert haben will? Es wird zudem immer wichtiger, sich als Händler als Marke zu etablieren oder auch Eigenmarken anzubieten.» Der Direktor des Dachverbands des Handels sieht mögliche Parallelen zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen der Schweiz: «Die Uhrenindustrie verfügte in den siebziger Jahren als Weltmarktführer für mechanische Uhren über eine hervorragende Ausgangslage, 90'000 Mitarbeitende in 1'500 Unternehmen und direkten Zugang zu zufriedenen Kunden in der ganzen Welt. Trotzdem überliess sie das Geschäft den Anbietern der viel billigeren Quarzuhren. Etwas Ähnliches darf dem Handel heute nicht passieren.» Doch es gibt Hoffnung: Im Zeitalter der digitalen Information haben auch Händler rascher Zugang zu Wissen und inspirierenden Beispielen über ihre Märkte. Manche experimentieren mit Kundenfeedbacks im Laden via Touchscreen, Barcodes an Regalen mit direktem Link zu YouTube-Videos, iPad-Stationen im Laden oder Virtual Reality Brillen. Ob das passt, muss jedes Unternehmen für sich prüfen bzw. eigene Lösungen entwickeln. Kaspar Engeli ist zuversichtlich: «Der Handel ist immer sehr flexibel gewesen. Ich vertraue darauf, dass er auch diesmal die Chancen nutzt. Evolution geschieht bekanntlich in mehreren Schritten.» Wie vielfältig Handelsunternehmen die Digitalisierung angehen können, zeigen die drei Beispiele aus den Branchen Autohandel, Werkzeughandel und Detailhandel.
 
Jetzt sofort alles
Dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschäftsmodell nicht immer zur digitalen Aufrüstung führen muss, erläuterte Ferdinand Hirsig, Leiter der Division Detailhandel/Energie der Fenaco, zu der u.a. die über 570 Volg-Läden und 86 TopShop-Tankstellenshops zählen. Ferdinand Hirsig: «In der Logistik und Organisation sind wir technologisch auf dem neusten Stand. Wir führen jetzt gerade SAP ein und rüsten die Verkaufsstellen mit neuen Kassen bzw. einem neuen Kassensystem aus. Diese ermöglichen u.a. den Eingriff in die lokale Ladenkasse von der Zentrale aus. Wir beliefern täglich rund 1'000 Standorte. Digitalisierung im Lager-, Logistik- oder Fahrtenprozess ist für uns absolut zwingend.» Anders sieht es beim Auftritt in den Läden aus. Bei Volg und in den TopShops dreht sich alles um den kleinen Einkauf und den schnellen Einkauf. Die Kunden geben durchschnittlich CHF 17 aus. Hirsig: «Dafür fährt niemand ins Ausland. Für den Tankstellenshop-Kunden ist der Online-Handel bereits zu langsam. Er oder sie hat die Bratwurst schon lange gegessen, bis die online bestellte Ware ankommt.» Das Thema Digitalisierung wird deshalb im Hinblick auf das eigene Kernkonzept immer wieder kritisch hinterfragt. So kommen Selfscanning-Kassen für Volg nicht in Frage. Bezahlung über TWINT wird jedoch demnächst eingeführt, weil sich die Schweiz auf einen Standard geeinigt hat. Ferdinand Hirsig: «Wir adaptieren eher bestehende Geschäftsmodelle. So prüfen wir gegenwärtig mit der Post einen Heimlieferservice. Im Tankstellenshop-Bereich verfolgen wir das Programm «retail meets gastro», bei dem es im Kern darum geht, Tankstellenshop und Bistro näher zusammenzubringen. Das Pilotprojekt läuft gerade im TopShop in Pfäffikon ZH.» Für die Zukunft erwägt Volg weitere Neuheiten wie eine Wechselstation für E-Bikes.
 
Schrank bestellt Werkzeug
Beim 139-jährigen internationalen Werkzeug-Händler Brütsch/Rüegger Tools ist die Digitalisierung der Lebensnerv. Das Unternehmen liefert nicht nur Werkzeuge, sondern ist Partner von Industrie 4.0. CEO Martin Wirth erklärte am Mediengespräch: «Als Pioniere innerhalb der Branche haben wir bereits 1998 mit dem ToolShop und dem CD-ROM-Shop erste Lösungen mit grossem Erfolg umgesetzt. Diese frühen Anstrengungen haben uns geholfen, unser Wissen und unsere Kompetenz in der Digitalisierung laufend zu verstärken. Aus diesem Grund können wir heute 200'000 Produkte von 900 namhaften Marken weltweit ­innerhalb von 48 Stunden und nach Europa innerhalb von 24 Stunden liefern; dies geschieht in der Regel von unserem Schweizer Zentrallager in Urdorf aus.» Brütsch/Rüegger Tools beliefert sämtliche Industrien wie die Medizinaltechnik, die Uhrenindustrie, die MEM-Industrie, die Zulieferindustrie wie auch die Prozessindustrie. Das Unternehmen verfügt über eines der modernsten Lager Europas und schafft Mehrwert durch ein ausgeklügeltes Dienstleistungsportfolio. Denn nur 5% bis 10% der Gesamtkosten im Werkzeugmanagement sind auf die Werkzeuge im engeren Sinne zurückzuführen. So beläuft sich beispielsweise der Warenwert einer Bestellung auf durchschnittlich CHF 400. Ein konventionell abgewickelter Bestellprozess kostet etwa CHF 250. Über voll integrierte Prozesse werden die entsprechenden Kosten um bis zu 60% reduziert.
Brütsch/Rüegger Tools ist europäischer Branchenführer bei der elektronischen Bestellabwicklung. Für 2016 wird der Eingang der elektronischen Bestellungen bei 60% liegen. Diese Spitzenposition hat sich Brütsch/Rüegger durch frühzeitiges und proaktives Handeln erobert. So wurde nicht gewartet, bis es technische Standards für Schnittstellen gab. Vielmehr hat sich der Werkzeug-Händler IT-technisch so aufgestellt, dass er unabhängig vom Schnittstellenstandard des Kunden agieren kann. Die Suche nach dem Mehrwert führt zu permanenten Weiterentwicklungen. So ist der Online-Shop ein eigentliches
e-Procurement-System, mit dem der Kunde seine Beschaffungsaktivität optimiert. Dem steigenden Kostendruck in der Industrie wird mit neuen Angeboten wie zum Beispiel einer Tool Logistik-Lösung begegnet. Das ist ein Automat mit eigenem Werkzeuglager, der selber bestellt und beim Kunden hingestellt wird. Bereits wurden in der Schweiz über 50 Projekte mit über 120 Automaten umgesetzt. Die Software und die Automaten lassen sich nahtlos in Kundensysteme, in Backend-Systeme oder in Produktionssteuerungssysteme integrieren. Im Rahmen der Lean Factory Group, die 11 Partner aus der Industrie gebildet haben, hat Brütsch/Rüegger Tools eine Montagelinie aufgebaut nach Industrie 4.0. Dort sieht man, wie eine integrale, auch datentechnisch integrierte Produktionsanlage funktionieren könnte, um einen Montageprozess unter optimalen Bedingungen abzuwickeln. Doch bei aller Digitalisierung: Das meistverkaufte Produkt von Brütsch/Rüegger Tools ist nach wie vor der Schraubenzieher PB 100.
 
Autos kaufen, mieten oder teilen
Kenny’s hat sich über die Jahrzehnte als eigene Autohändler-Marke etabliert – Kenny’s Käfeli ist im Grossraum Zürich ein Begriff. Seit der kürzlichen Fusion mit dem KETO Auto-Center zählt das Unternehmen zu den 20 grössten Autohändlern der Schweiz. Vor 40 Jahren von Kenny Eichenberger auf einem Kiesplatz beim Bahnhof Buchs ZH gegründet und seit 30 Jahren Mercedes-Benz-Vertretung, wird die Gruppe neu von Marc Eichenberger geführt. Der heute Dreissigjährige hat nach seiner IT-Ausbildung ein Unternehmen im Bereich Video Security gegründet, aufgebaut, verkauft und sich nach dem Studium der Betriebsökonomie die Sporen im Autohandel abverdient. Trotz Digitalisierung geht es im Autohandel immer noch und vor allem um den Verkauf von Emotionen. Marc Eichenberger: «Oft haben sich die Kunden im Internet über ein oder zwei Modelle sehr detailliert informiert, kennen dafür aber die ganze Palette und weitere Optionen zu wenig. Deshalb müssen sich unsere 200 Mitarbeitenden laufend intensiv über die rund 33 Grundmodelle von Mercedes-Benz und smart mit all den zusätzlichen Varianten orientieren und vor allem individuell beraten. Gleichzeitig eröffnen sich mit der Digitalisierung neue Tätigkeitsfelder. Dazu zählt Carsharing. Autonome Fahrzeuge lassen in Zukunft den Privatverkehr mit dem ÖV stärker zusammenwachsen.» Das verändert auch die Rolle des Autohändlers. Kenny’s verkauft inzwischen Autos nicht nur, sondern vermietet sie auch. Digitalisierung vereinfacht das tägliche Geschäft. So sind im Kompetenz-Center der Werkstatt die besten Technik-Diagnostiker tätig. Per Videokonferenz setzen sie sich mit den anderen fünf Standorten in Verbindung und führen die Diagnose über Remote-Steuerung der Testgeräte durch. Über die Mercedes-Benz App Connect me bekommt der Kundendienst zeitgleich mit dem Kunden eine Meldung, wenn der nächste Service fällig ist.

Kontakt
Kaspar Engeli, Direktor, Tel. 061 228 90 33
Andreas Steffes, Sekretär, Tel. 061 228 90 32
 

Handel Schweiz ist der Dachverband des Handels, dem 33 Branchenverbände mit insgesamt 3’700 Unternehmen angehören. Handel Schweiz vertritt eine liberale Politik und setzt sich für eine starke Schweiz ein. Der Handel ist mit 680'000 Mitarbeitenden der wichtigste private Arbeitgeber der Schweiz. Im Handel werden über 38’000 Lehrstellen angeboten, mehr bildet keine Branche aus.

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